Bötschenberg-News 2010

Berthold Henke: Vom Fußballtorwart zum Zahnarzt

 Was könnte einen Torwart des Helmstedter Sportvereins dazu veranlasst haben, Zahnarzt zu werden? Wo gäbe es Gemeinsamkeiten? Torwart und Zahnarzt müssen versuchen, den Kasten, sei es das Tor oder den Mund, sauber zu halten, in dem sie auch in die äußersten Ecken und Winkel kommen; weder Ball noch Erreger dürfen eindringen. Sowohl Fein- und Grobmotorik als auch kräftige dehnbare Muskeln sind für die Ballabwehr und das Zähneziehen erforderlich; ebenso eine schnelle Auffassungsgabe, keiner darf auf den Kopf gefallen sein. Eine hünenhafte Gestalt und zupackende Pranken mögen für einen Torhüter wichtig sein, aber sind große Hände nach landläufiger Meinung für einen Zahnarzt nicht eher hinderlich? Wären zarte Künstlerhände, wie die des Geigenvirtuosen David Garrett nicht besser geeignet? Weit gefehlt. Man ist immer wieder überrascht, wenn man sieht und spürt, wie gefühlvoll und überaus vorsichtig sie, die Hände des Berthold Henke, Zahnarzt in Emmerstedt, ihr Werk beherrschen. Als Fußballfan kennt man ihn doch nur mit Torwarthandschuhen und eben war er, der Zahnarzt, gerade mit Mundschutz verkleidet und mit Gummihandschuhen an den Händen in deinem Mund. Der Sache muss man auf den Grund gehen.

Berthold Henke (55) ist in Schöningen in gut bürgerlichen Verhältnisse im Hause seiner Eltern aufgewachsen. Er besuchte in Schöningen die Grundschule Schützenbahn und später das Gymnasium ´Anna-Sophianeum`, wo er im Jahre 1974 auch das Abitur ablegte. Er wollte, so wie sein Vater und seine beiden älteren Brüder, auch Lehrer werden. Wegen der seinerzeitigen Lehrerschwemme ging er nach der Schulzeit aber zunächst für die Dauer von vier Jahren zur Bundeswehr, wo er im Sanitätsdienst im zahnmedizinischen Bereich eingesetzt wurde. Hier fand er Gefallen an der Zahnheilkunde. Nach seiner Bundeswehrzeit absolvierte er in Helmstedt vom Jahre 1978 an eine dreijährige Lehre als Zahntechniker. Im Jahre 1981 begann er sein Studium der Zahnmedizin an der Georg-August-Universität in Göttingen. Bereits im Jahre 1986 machte er sein Staatsexamen und erhielt damit die Approbation als Zahnarzt. Als Assistenzzahnarzt war er zwei Jahre in Wolfsburg tätig. Am 01.07.1989 machte er sich als Zahnarzt mit eigener Praxis in Emmerstedt selbständig. Zu seinen Patienten zählen zahlreiche Fußballfans, denen er oftmals aus seiner Sportkarriere erzählen muss. Berthold Henke hat schon als kleiner Junge gern Fußball gespielt. Fast täglich schnappte er sich einen Ball, spielte auf der Straße oder auf dem Schulhof Fußball und kam erst nach Hause, wenn es dunkel wurde. Einem Fußballverein durfte er in Schöningen aber nicht beitreten, denn sein Vater kannte als Fußballer des TUSPO Holzminden die in dieser Sportart lauernden Gefahren. Da sein Bruder Bernhard im MTV Schöningen Handball spielte, fing er dann im Alter von zwölf Jahren an, auch Handball zu spielen und zwar als Torwart. Nach drei Jahren erlaubten seine Eltern ihrem talentierten Sohn dann doch, die Sportart und den Verein zu wechseln. Er ging zum FC Schöningen 08, dem traditionsreichen Fußballverein vor Ort. Obwohl er vom Alter her eigentlich noch B-Jugendspieler war, wurde er sofort in der A-Bezirksjugend als Stammtorwart eingesetzt und glänzte durch tolle Leistungen. In der 1. Herrenmannschaft des FC Schöningen 08 stand mit Peter Paproth ein hervorragender Torwart zwischen den Pfosten. Wie das Schicksal es manchmal so will, wurde Peter Paproth unmittelbar vor Beginn der Landesligasaison 1973/74 verletzt. Der siebzehnjährige Berthold Henke sollte ihn am Wochenende ersetzen. Das war nicht so einfach möglich, denn der Verein benötigte die Einwilligung der Eltern und die Freigabe des Niedersächsischen Fußballverbandes (NFV). Der FC Schöningen 08 musste mit Alfons Schwingel, Gerd Achilles und Eckhard Lenz seine ganze Prominenz aufbieten, um nach einem mehrstündigen Gespräch von Vater Henke die Zustimmung zu erhalten. Jetzt war Eile geboten: Das Punktspiel stand vor der Tür, Eckhard Lenz fuhr nach Hannover und kam mit einer Spielberechtigung für Berthold zurück. Ein Kindheitstraum ging in Erfüllung: Er stand am 19.08.1973 zum Saisonauftakt gegen den VfB Peine zwischen den Pfosten, der Platz war mit über 1.000 Zuschauern rappelvoll, sein Verein verlor das Spiel durch ein Eigentor trotz seiner brillanten Leistungen mit 1:0. Bis zum Jahre 1976 hielt Berthold Henke dem FC Schöningen 08 die Treue und wechselte dann am 01.07.1976 zum VfL Wolfsburg in die damals noch zweigeteilte 2. Bundesliga. An die Spiele mit dem VfL Wolfsburg gegen den FC St. Pauli am 18.09.1976 am Millerntor, gegen Hannover 96 am 02.10.1976 im Niedersachsen-Stadion oder gegen Bayer Leverkusen am 29.01.1977 im Ulrich-Haberland-Stadion erinnert er sich noch gut. Er wurde auch mehrmals in die U21-Niedersachsen-Auswahl berufen, seine Mitspieler waren dort u.a. Dieter Schatzschneider, Frank Pagelsdorf und Wolfgang Grobe. Beim VfL Wolfsburg lernte er viele interessante Leute kennen, mit der Judo-Ikone Klaus Glahn ging er montags immer in die Sauna und es tut ihm heute noch leid, dass er der Weltrekordhalterin und Olympiasiegerin Hildegard Falck, die sich gerade im Stadion am Elsterweg mit dem Nachwuchs an der Sprunggrube beschäftigte, beim Fußballtraining mit dem VfL einen Ball an den Kopf geschossen hat. Zum Beginn der Saison 1977/78 kehrte er zum Verbandsligisten FC Schöningen 08 zurück und war wieder der zuverlässige Schlussmann der Schöninger. Er wollte nicht immer nur Tore verhindern, sondern auch einmal Tore schießen, daher versuchte er sich im April 1980 in einem Punktspiel gegen den WSV Wolfenbüttel als Mittelstürmer. Der FC Schöningen 08 erhielt für ihn vom VfL Wolfsburg ein ansehnliches Ausbildungsentgelt, das in der damaligen Zeit eine gute finanzielle Hilfe zum Ausbau der oberen Etage des 08-Vereinsheimes war. Im Jahre 1984 wechselte Berthold Henke zum TSV Helmstedt und verstärkte dort die Ligamannschaft von der Masch. Dem Helmstedter SV schloss er sich am 01.01.1986 an, bei dem er seine sportliche Heimat fand. Hier hat er im Kreise von Sportkameraden beim Fußball, insbesondere im Altherrenteam, und bei Feierlichkeiten aller Art viele Freunde gefunden, zu denen er noch heute guten Kontakt pflegt. Als Torhüter der 1. Herrenmannschaft des HSV war er aufgrund seiner Erfahrungen sowie durch unzählige Glanzleistungen der Garant vieler Siege. Im Jahre 1989 zog es ihn zu den Altherren-Fußballern des HSV, mit denen er stolze Erfolge feiern konnte. Hier trumpfte er noch einmal mächtig auf, zeigte sein ganzes Repertoire an Können und wurde mit seinem Altherrenteam in den Jahren von 1989 bis 2001 mehrfach Kreisligameister mit immer unter zehn Gegentoren in der Saison und Kreispokalsieger. Bei den Spielen um den Niedersachsen-Cup wurde er im Jahre 1997 in Achim Niedersachsenmeister und zum besten Torhüter des Turniers gekürt, wie bereits schon einmal einige Jahre zuvor. Besondere Ereignisse in seiner Sportkarriere waren diese hochkarätigen Turniere mit dem Altherrenteam sowie das Altherren-Pokal-Derby auf dem Fichte-Platz gegen den Ortsrivalen TSV Helm-stedt, in dem er drei Elfmeter hielt. Berthold Henke zeichnete sich als Torwart besonders in der Strafraumbeherrschung, in seinem Stellungsspiel, in seiner Reaktionsfähigkeit sowie durch seine Ruhe und Besonnenheit aus. Wenn es nötig war, gab er seinen Mitspielern aber auch lautstarke Anweisungen. Gegen ihn einen Elfmeter zu verwandeln, war schon äußerst schwierig; er war der ´Elfmetertöter` in Person.

Der Fußball ist und bleibt für Berthold Henke ein Eckpfeiler seines Lebens. Er hat durch den Sport viele interessante Menschen kennen gelernt. Er schätzt die im Sport erlebte Kameradschaft, die Toleranz im Mannschaftssport, den Umgang mit anderen Menschen und den Teamgeist, die wichtige Bestandteile in seinem Leben geblieben sind. Seine vielfältigen Erinnerungen an den Fußball kann ihm keiner nehmen. Im Jahre 2001 beendete er seine großartige Karriere als Fußballspieler, hängte seine Fußballstiefel an den Nagel und tauschte seinen Torwartdress gegen ein schmuckes Golf-Outfit ein. Um sich fit zu halten, spielen er und seine Frau Sabine seitdem regelmäßig Golf, und zwar im Golf- und Land-Club St. Lorenz in Schöningen und im Winter fährt er gern zum Skifahren. In Rottorf bewohnt er ein schönes Haus und an Sommerabenden sitzt er gern in seinem großen Garten mit Freunden aus alten Fußballzeiten bei einem Glas Wein oder einem Bierchen zusammen. Der Jugend kann er, die Torwart-Legende des Helmstedter SV, allemal als Vorbild dienen.

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